Haptische Sprachkraft

am Dienstag, 05 Januar 2016. Veröffentlicht in Haptik

von Nervensägen, Phrasendreschern & Stolpersteinen

Die Enorme Leistungsbreite des TastsinnesIm Rahmen unserer inzwischen doch recht zahlreichen Blogs zum Thema Tastsinn und Haptik habe ich wiederholt und eingestreut auch Ausflüge zu haptischen Metaphern im weitesten Sinne unternommen.

Nun aber hat eine Berliner Linguistik-Professorin ein außergewöhnliches Buch mit leichter Feder geschrieben und publiziert, das sich auschließlich einer fundierten Untersuchung von Redewendungen aus dem Bereich des Tastsinns widmet.

Die umfangreiche Metaphern-Sammlung und Sprachanalyse “Spitze Bemerkungen und schwammige Argumente” (Stauffenburg-Verlag, 242 Seiten, 24,50 Euro) schließt dabei eine wichtige Lücke in der Haptikforschung und sei als Lektüre auch Marketern und Werbern ans Herz gelegt.

 

Haptische Sprachkraft

Es zeigt sich, dass unsere Sprache mit einer überraschenden Fülle an metaphorischen Redewendungen und Begrifflichkeiten aufwartet, die vor allem einem Umstand geschuldet sind: Abstraktes sprachlich konkret fassbar werden zu lassen durch das Erzeugen “griffiger Worte” und Bilder.

Für ihr neues Buch haben es Prof. Dr. Dagmar Schmauks von der Arbeitsstelle für Semiotik an der Technischen Universität Berlin dabei besonders solche Worte und Metaphern angetan, die ihren Ursprung im Handwerklichen genommen haben und in einen jeweils neuen, überwiegend abstrakten Kontext übertragen wurden.

Dagmar Schmauks spricht hierbei von “Wortfeldanalyse” und verfolgt den Weg der Sprache von ihren konkret-taktilen "Ursprungsdomänen" bis zu ihrem Transfer auf abstrakte "Zieldomänen".

"Sehr viele Redewendungen haben ihren Ursprung in der Handhabung von fassbaren Gegenständen und wurden dann auf abstrakte Dinge übertragen. Da werden beispielsweise Probleme gewälzt oder in den Raum gestellt, in einer Diskussion wird einem der Ball zugeworfen", exemplifiziert die Linguistin.

 

Enorme Leistungsbreite des Tastsinnes

Ob sprachliche Bilder aus den Gefilden der “tastenden Begriffe” wie heimleuchten, Nägel mit Köpfen machen, durch die Lappen gehen und Anstoß nehmen oder die Begnungen mit Nervensägen, Phrasendreschern, Dünnbrettbohrern und Wortverdrehern: Die Autorin arbeitet die enorme “Leistungsbreite des Tastsinnes” heraus.

„Solche Wendungen zeigen, wie wir unsere Umwelt begrifflich gliedern, um sie besser zu verstehen. Wir möchten sie regelrecht ,begreifen‘, einer kopflastigen Darstellung etwas Handfestes gegenüberstellen. Dabei geben wir der Handarbeit den Vorzug, um Dinge zu verstehen. Das zieht sich bis in die virtuelle Welt hinein, denn selbst unser Computer ,schaufelt Daten hin und her‘.“

Neben den semantischen Konnotationen gerät die Arbeit von Dagmar Schmauks ganz nebenbei auch zu einer sprach- und kulturhistorischen Sternstunde, entreisst sie doch so manchen kulturgeschichtlichen Urprung vieler Metaphern dem drohenden Schicksal des Vergessenwerdens.

“Insgesamt verstehe ich das als tiefe Verbeugung vor den geschichtlich frühesten Tätigkeiten wie Jagen und Fischen, Säen und Ernten, Schnitzen und Weben. Sie haben unsere materielle Kultur begründet, geraten aber leicht in Vergessenheit, sobald Menschen kaum noch etwas selbst herstellen und oft in virtuellen Räumen unterwegs sind.“

Auf diese Weise manifestiert sich die Haptik in unserer Sprache in einer Art Doppelfunktion als eine Art taktiler Kitt ansonsten abstrakter Begrifflichkeiten sowie simultan als kulturhistorischer Sprachspeicher: "Diese Arbeit vermittelt auch Geschichtsbotschaften, und Wortfeldarbeit ist auch Kulturforschung."

Dagmar Schmauks: „Spitze Bemerkungen und schwammige Argumente. Tastsinn und Handhabung in Redewendungen“, Stauffenburg-Verlag, Tübingen.

 

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